Leni hatte eine Hündin. Sie hieß Blue.
Blue hatte weiche Ohren, eine warme Nase und Pfoten, die auf dem Boden ganz leise tapsten, wenn sie müde war. Wenn sie sich freute, tapsten sie nicht leise. Dann klapperten sie schnell durch den Flur: Tap-tap-tap-tap-tap.
Für Leni war Blue nicht einfach nur ein Hund.
Blue war die,
die morgens verschlafen aus ihrem Körbchen blinzelte.
Blue war die,
die beim Spaziergang an jedem Grashalm eine wichtige Nachricht fand.
Blue war die,
die manchmal neben Leni lag, ohne etwas zu tun.
Und genau das mochte Leni besonders.
„Blue ist meine beste Hundefreundin“, sagte Leni oft.
Wenn Leni aus der Schule nach Hause kam, wartete Blue manchmal schon im Flur.
Dann wedelte ihr Schwanz.
Ihr Körper wackelte.
Ihre Nase schnupperte an Lenis Hose, als wollte sie sagen:
Wo warst du?
Was hast du erlebt?
Und riechst du vielleicht nach Pausenbrot?“
An solchen Tagen war Leni ganz sicher:
Blue hat mich lieb.
Aber an anderen Tagen war es anders.
Da kam Leni nach Hause, rief fröhlich: „Blueeee, ich bin wieder da!“ — und Blue hob nur kurz den Kopf.
Manchmal stand Blue auf, schnupperte an Leni und ging dann wieder auf ihren Platz.
Manchmal blieb sie sogar ganz liegen.
Und manchmal, wenn Leni sich zu ihr setzen und sie streicheln wollte, stand Blue einfach auf und ging ein Stück weg.
Dann wurde es in Lenis Bauch ein bisschen eng.
Nicht sehr schlimm.
Aber so, als hätte dort jemand einen kleinen Knoten gemacht.
An einem Dienstag passierte es wieder.
Leni kam aus der Schule. Sie hatte extra schnell ihre Schuhe ausgezogen, weil sie Blue begrüßen wollte.
„Blue!“, rief sie.
Blue kam aus dem Wohnzimmer. Ihr Schwanz wedelte langsam. Sie schnupperte an Lenis Hand.
Leni lächelte.
„Na, meine Blue.“
Sie setzte sich auf den Boden und wollte Blue an sich ziehen. Nicht grob. Nur lieb. So, wie Menschen jemanden umarmen, den sie sehr mögen.
Aber Blue drehte den Kopf zur Seite.
Dann machte sie einen Schritt zurück.
Und noch einen.
Schließlich legte sie sich auf ihre Decke.
Leni blieb auf dem Boden sitzen.
Ihre Hände lagen leer in ihrem Schoß.
„Mama?“, fragte sie leise.
Mama kam aus der Küche.
„Ja, Leni?“
Leni schaute zu Blue. Blue lag auf ihrer Decke und sah nicht unglücklich aus. Aber sie kam auch nicht zurück.
„Liebt Blue mich nur manchmal?“
Mama setzte sich neben Leni auf den Boden.
„Wie kommst du darauf?“
Leni zuckte mit den Schultern.
„Manchmal freut sie sich ganz doll, wenn ich komme. Und manchmal geht sie weg. Wenn sie mich liebhat, müsste sie doch immer bei mir bleiben wollen.“
Mama nickte langsam.
„Das fühlt sich für dich so an, stimmt’s?“
Leni nickte.
„Bei uns Menschen ist Liebe oft Umarmen, Festhalten, ganz nah sein“, sagte Mama. „Aber Hunde zeigen Liebe nicht immer genau so wie wir Menschen.“
Leni sah Mama an.
„Wie denn dann?“
Mama zeigte vorsichtig zu Blue.
„Siehst du, wo Blue liegt?“
„Auf ihrer Decke.“
„Und wo liegt ihre Decke?“
Leni schaute sich um.
„Im Wohnzimmer. Bei uns.“
Mama lächelte.
„Genau. Blue könnte in ein anderes Zimmer gehen. Aber sie bleibt hier in unserer Nähe. Manchmal ist das schon ein großes Hundewort für: Ich bin gern bei euch.“
Leni sah zu Blue.
Blue hatte den Kopf auf die Pfoten gelegt. Ihre Augen waren weich. Ihr Körper lag locker auf der Seite.
„Aber warum kommt sie dann nicht zu mir?“, fragte Leni.
„Vielleicht ist sie müde. Vielleicht war ihr dein schnelles Begrüßen gerade ein bisschen viel. Vielleicht möchte sie einfach selbst entscheiden, ob sie näherkommt.“
Leni runzelte die Stirn.
„Aber ich wollte sie doch nur liebhaben.“
„Das weiß Blue bestimmt“, sagte Mama. „Nur fühlt sich Liebhaben für Blue nicht immer wie Kuscheln an. Manchmal fühlt es sich für sie schöner an, wenn du ruhig da bist und wartest.“
Leni dachte nach.
Das war gar nicht so leicht.
Wenn man jemanden liebhat, will man das doch zeigen. Sofort. Mit Armen. Mit Worten. Mit ganz viel Nähe.
Aber vielleicht war Blue ja kein Kuscheltier mit Fell.
Vielleicht war Blue einfach Blue.
Mit eigenen Ideen.
Mit eigenen Pausen.
Mit eigenem Hündisch.
„Kann ich sie fragen?“, flüsterte Leni.
Mama lächelte. „Ja. Aber nicht mit Worten. Mit deinem Körper.“
„Wie geht das?“
„Setz dich ruhig hin. Ruf sie nicht. Locke sie nicht. Fass sie nicht an. Warte einfach. Wenn Blue kommen möchte, darf sie kommen. Wenn nicht, ist das auch in Ordnung.“
Leni schaute überrascht.
„Gar nichts machen?“
„Doch“, sagte Mama. „Du machst etwas sehr Wichtiges. Du gibst Blue eine Wahl.“
Leni setzte sich ein Stück vom Teppich entfernt auf den Boden.
Sie legte ihre Hände auf ihre Beine.
Sie sagte nichts.
Das war schwer.
Sehr schwer.
Denn in Lenis Bauch hüpfte eine kleine Frage herum:
Kommst du, Blue?
Bitte komm doch.
Nur ein kleines bisschen.
Aber Leni blieb still.
Blue hob den Kopf.
Leni hielt den Atem an.
„Atmen nicht vergessen“, flüsterte Mama.
Leni atmete leise aus.
Blue schaute zu ihr.
Dann legte sie den Kopf wieder ab.
Leni spürte kurz, wie die Enttäuschung anklopfte.
Sie wollte gerade sagen: „Sie kommt nicht“, da erinnerte sie sich an Mamas Worte.
Wenn Blue nicht kommt, ist das auch in Ordnung.
Also blieb Leni sitzen.
Still.
Freundlich.
Ohne zu locken.
Nach einer Weile stand Blue auf.
Sie streckte sich lang.
Vorne tief.
Hinten hoch.
Dann schüttelte sie sich einmal.
Leni lächelte, sagte aber nichts.
Blue kam langsam näher.
Ein Schritt.
Noch ein Schritt.
Sie schnupperte an Lenis Socke.
Dann an ihrer Hand.
Leni bewegte sich nicht.
Blue blieb neben ihr stehen.
Ganz freiwillig.
Vorsichtig drehte Leni ihre Hand ein wenig zur Seite. Nicht nach Blue greifen. Nur da sein.
Blue stupste Lenis Finger mit der Nase an.
Ganz kurz.
Dann setzte sie sich neben Leni.
Nicht auf den Schoß.
Nicht in Lenis Arme.
Einfach daneben.
Leni wurde ganz warm im Gesicht.
„Mama“, flüsterte sie. „Sie ist gekommen.“
Mama nickte.
„Ja. Weil sie durfte. Nicht weil sie musste.“
Leni schaute zu Blue.
Blue lehnte sich nicht fest an. Aber ihr Fell berührte Lenis Hose. Nur ein kleines bisschen.
Und dieses kleine bisschen fühlte sich plötzlich riesengroß an.
Leni verstand etwas Neues:
Blue liebte nicht wie ein Mensch mit festen Umarmungen.
Blue liebte manchmal mit Kommen.
Mit Dableiben.
Mit neben Leni sitzen.
Mit weichen Augen.
Mit einem kleinen Nasenstups.
Leni fühlte sich stolz.
Nicht, weil sie Blue zu sich geholt hatte.
Sondern weil sie gewartet hatte, bis Blue selbst kommen konnte.